Kony 2012 macht derzeit Schlagzeilen. Ein Video, hinter dem eine ganze Kampagne steckt, das innerhalb weniger Tage 70 Millionen Klicks bekam. Fast genauso schnell wurde Kritik laut. Politische Partizipation wird hier auf ein „Share“ und ein „Like“ bei Facebook reduziert. Sachverhalten abstrahiert. Doch ist das schlecht? Vielleicht ist das eine neue Form der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit.
Politische Partizipation in der Demokratie
In Deutschland hat mit Stuttgart 21 politische Partizipation, oder auch Bürgerbeteiligung, eine neue Aufmerksamkeit erfahren. Lange Zeit galt der Gang zur Wahlurne als einzige Form der politischen Willensbekundung in der repräsentativen Demokratie. Dieser Akt, die freie Wahl, wird auch stärkste Form der demokratischen Teilhabe bleiben. Denn in ihr liegt der Grundgedanke aller demokratischer Staaten. Von weiteren direktdemokratischen Elementen hatte man sich nach und nach verabschiedet – zu groß seien Gesellschaften und ihre Öffentlichkeiten geworden. Auch die Komplexität politischer Sachverhalte spricht für Viele gegen mehr Bürgerbeteiligung in Form von Abstimmungen und Referenden.
Neue Wege via Internet?
Als das Internet sich immer weiter ausbreitete, wurden erste Stimmen laut, die eine neue Ära der partizipatorischen oder der deliberativen Demokratie anbrechen sahen. Nun würde es technisch Möglich werden, tausende von Menschen an einem virtuellen Tisch zu versammeln und gemeinsam politische Fragen zu entscheiden. Doch mittlerweile wird der sogenannten E-Partizipation eher ein Scheitern attestiert. Die Übertragung der politischen Öffentlichkeit auf eine Online-Sphäre sei gescheitert, Politik könnte die Bürger nicht dazu mobilisieren, online aktiv zu werden.
Doch Videos wie Kony 2012 zeigen, dass Potentiale wo anders liegen. Die Politik hat bisher den Fehler gemacht, zu glauben, das Internet sei lediglich eine neues Medium der öffentlichen Kommunikation. Die Übertragung bestehender Öffentlichkeitstheorien auf das Internet und damit einhergehend die Übertragung bestehender Kommunikationsformen musste scheitern. Denn sie verkennt, dass es sich hier nicht nur um ein neues Medium handelt, sondern um eine neue (Teil-)Öffentlichkeit. Hier gelten plötzlich neue Regeln. Kommunikation im Internet wird reduziert. Twitter zeigt uns, dass wir in 140 Zeichen sagen können müssen, was wichtig ist. Das Video zur Kampagne Kony 2012 ist mit cica 30 Minuten schon verhältnismäßig lang für eine Social Media Kampagne.
Schnelligkeit zählt immer mehr
Deshalb ist der Vorwurf, das Video und sein Inhalt würde die Sachverhalte zu stark reduzieren und vereinfachen, zwar berechtigt, im Hinblick auf die Aufmerksamkeitsspanne Social Web Teilnehmer jedoch naiv. In einer immer schneller werdenden Gesellschaft muss auch die Kommunikation, und dazu zählt ebenso die Gewinnung von Aufmerksamkeit (awereness), schneller werden. Das Publik muss innerhalb von Sekunden abgeholt werden. Wer nicht direkt zeigt, dass er wert ist, „geshared“ zu werden, wird keine Unterstützung finden.
Die Revolution der politischen Partizipation
Desweiteren zeigt das Video einen weiteren Fehler der Vordenker der E-Partizipation und E-Demokratie. Nicht die Politik kann das Internet nutzen, um Unterstützung zu generieren (sie könnte es vielleicht auch – macht es bisher allerdings offensichtlich falsch), sondern die Gesellschaft kann es als Medium nutzen, um sich in die Politik einzumischen. NGOs oder kleinere Gruppen bekommen die Chance, sie Gehör zu verschaffen. Kony 2012 ist eine Awereness-Kampagne: Ziel des Videos ist vornehmlich Aufmerksamkeit bei den Menschen zu schaffen. Denn in der Demokratie regieren nicht Parteien oder Präsidenten, sondern Mehrheiten. Diese sind es, die die eigentliche Macht inne halten. Denn Politik wird in Demokratien von Wahl zu Wahl gemacht. Wer es also nun schafft, via Internet und Social Web, Mehrheiten zu generieren, der kann Einfluss nehmen.
Kritik an den richtigen Stellen setzen
Bezüglich der Inhalte, Motive und Wirkung des Kony 2012 Videos und der Macher, die dahinter stehen, gab es im Netz zahlreiche Kontroversen. Kritik wurde laut, die teils gerecht, teils verblendet war. Die Chancen, dass bald ein anderes großes Thema die Facebook und Twitter Gemeinden umtreibt, sind hoch. Denn die Schnelllebigkeit des Internets wird wohl auch diese Kampagne treffen. Doch ein wesentlicher Aspekt dieses Phänomens sollte im Gedächtnis bleiben: zwischen guten und schlechten Absichten lässt sich oftmals nur schwer unterscheiden. Und zwischen Aufmerksamkeit für eine gute Sache und Propaganda ebenfalls. In der Süddeutschen wurde unlängst der Vergleich mit William Randolph Hearst gezogen, der maßgeblich für den Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 per Propaganda in den Medien sorgte (Quelle: Süddeutsche Zeitung). Denn auch in diesem Fall wird in letzter Konsequenz eine Regierung durch die Forderung einer politischen Mehrheit zu einer militärischen Intervention gedrängt. Und das wegen eines Videos. Wer garantiert, dass hier wirklich für die gute Sache gekämpft wird?