11 Kommentare »

Kommentar von Ingo Stützle | 24. Okt. 2009 - 12:43h

Endlich habe ich damit begonnen, das Buch zu lesen – die gedruckte Variante. Schön dass es doch mit einem Hardcover geklappt hat. Ich hätte eine Anregung: Wenn es zum Buch schon diese website gibt (tolle Initiative!), fände ich es hilfreich und dankenswert, wenn vielleicht eine kurze Literaturliste nachgeliefert werden würde. Es werden ja einiges an AutorInnen diskutiert und vieles findet man auch. Aber fein wäre es schon, wenn man zu den jeweiligen Kapiteln vielleicht noch eine Handreichung bekommen würde – zum weiterlesen.

 
Kommentar von Ingo Stützle | 13. Nov. 2009 - 16:25h

Ich habe das Buch mit großem Gewinn gelesen, hatte aber an der einen oder anderen Stelle das Gefühl, dass ein wenig theoretische Anstrengung helfen würde, das doch unübersichtliche Terrain besser zu begreifen. So bei der Frage nach dem Verhältnis einer grundlegenden Veränderung der Verhältnisse und Kämpfen um konkrete Reformen. Ohne eine Unterscheidung von Nicos Poulantzas explizit aufzunehmen diskutieren Elmar Altvater und Raul Zelik eine Gemengelage wo eine Politik mit und gleichzeitig gegen den Staat gemacht werden soll anhand von Beispielen (161ff.).
Mit dem marxschen Formbegriff kann im Anschluss an Nicos Poulantzas eine analytische Unterscheidung nutzbar gemacht werden, die den Widerspruch zumindest theoretisch verhandelbar macht. Eine Voraussetzung um in der politischen Praxis mit den vielen Schwierigkeiten, Widersprüchen und Fallstricke überhaupt umgehen zu können. Poulantzas unterscheidet drei Formen von Kämpfen, die er zwar auf den Staat bezieht, die aber zugleich umfassender, d.h. in Bezug aus der Formen des Kapitalverhältnisses diskutiert werden können. Erstens Kämpfe innerhalb des Staats. Darunter fallen bspw. gesetzliche Regelungen der Arbeitszeit und sozialstaatlicher Transferleistungen. Auf dem Terrain des Staates findet in den unterschiedlichsten Gremien (Parlament, Ausschüsse etc.) ein Gerangel zwischen sogenannten Experten, Lobbygruppen, Interessenverbänden und politischen (Partei)Projekten statt. Beschlossene und durchzusetzende Regulierungen sind jedoch nicht Resultat vernünftiger parlamentarischer Politik oder kluger Kompromisse. Vielmehr verweisen sie auf eine zweite Form von Kämpfen: Die Kämpfe auf Distanz zum Staat. Diese setzen den Staat voraus, sind also durch ihn als Herrschaftsapparat und seinen Machteffekten selbst bedingt, wirken aber zugleich auf in ein. Hierzu können betrieblich Kämpfe ebenso zählen wie außerparlamentarische Kämpfe gegen sozialpolitische Zumutung. Aber auch Kämpfe, die überhaupt bestimmte Bereiche zum Politikum machen, d.h. der privaten Sphäre entreißen (Frauenbewegung). Drittens gibt es aber auch Kämpfe um die Staatsform selbst wie im Falle der Revolten in Frankreich 1968 oder der Nelkenrevolution in Portugal. Will man an einer grundlegenden Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse festhalten, müssen die Kämpfe vor allem dieses Ziel, d.h. die Formen Staat und Kapital vor Augen haben.
In der politischen Praxis ist alles viel verwickelter und eine analytische Unterscheidung kaum möglich. Zumal der Ausgang sozialer Kämpfe immer ungewiss ist. Auf eine radikale Veränderung angelegte Kämpfe und Bewegungen können eine Modernisierung des Kapitalismus zur Folge haben; reformistische Anliegen und Vorhaben können hingegen unerwartet breite Massen radikalisieren und in Bewegung setzen. Aber gerade deshalb sind theoretische und analytische Anstrengungen von Nöten. Poulantzas könnte in meinen Augen hier durchaus weiterhelfen. (Siehe hierzu auch http://www.poulantzas-lesen.de)

 
Kommentar von Corto | 23. Nov. 2009 - 15:56h

ungewohnte Lektüre und gerade deshalb für mich interessant. Die Positionen Elmar Altvater`s waren mir bislang fast vollkommen unbekannt. Gestaunt habe ich über den Bezug auf den Begriff “Glück”. An einer Stelle wird von Altvater sogar auf die Verfassung der USA verwiesen. Dort wird (soweit ich weiß) das Streben nach in…dividuellem Glück als Recht festgehalten (natürlich unter den Bedingungen des Privateigentums an Produktionsmitteln). Des einen Glück – des anderen Pech. Aber alle haben das Recht danach zu streben… Möglicherweise ein Fortschritt gegenüber den vorbürgerlichen Gesellschaften in denen das Glück im Paradies zu finden ist und keinesfalls in der irdischen Welt. Aber es geht ja um die Vermessung der Utopie unter aktuellen Bedingungen. Daher die Verwunderung. Tauglich wäre nach meiner Meinung allenfalls der Begriff “Zufriedenheit”. Dieser verweißt nämlich auf die Tatsache das es ein Leben ohne “Unglück” nicht gibt. Die Häufigkeit der Verwendung des Begriffs “Glück” korrespondiert mit der fast vollständigen Abwesenheit des Begriffs “Bedürfnis”. Dies mutet sehr seltsam an finde ich. Schließlich wäre dieser Begriff nach meinen Begriffen zentral für die Vermessung der Utopie. Schließlich schließt Altvater eine Gesellschaft die ihre Ökonomie ohne Markt organisiert als Möglichkeit aus. Da schließst sich dann der Kreis. Glück statt Bedürfis, Markt statt radikal bedürfnisorientierter Produktion.

 
Kommentar von raul | 26. Nov. 2009 - 16:44h

Ohne Markt? Die Frage nach dem Markt stellt sich in dem Buch, denke ich, als “Trägheitsmoment” einer Gesellschaft dar: Der Markt geht dem Kapitalismus voraus, und er lässt sich auch nicht einfach “abschaffen”. Altvater sagt, dass Gesellschaften sich über ihre Arbeits-, Produktions-, Vergesellschaftsform etc. selbst verständigen müssen, und dass er nicht glaubt, dass sich eine Gesellschaft ernsthaft über ALLE Konsumentscheidungen “politisch” verständigen will. Sie trägt Muster der Kommunikation und Entscheidungsfindung erst mal weiter. Insofern “verschwindet” der Markt nicht einfach durch Revolution (In den staatssozialistischen Gesellschaften florierte der Markt ja bekanntlich auch gerade dann, wenn er besonders scharf verfolgt wurde – Warum sollte das unter demokratischen Vorzeichen anders sein. Weil plötzlich alle davon überzeugt sind – und auch dementsprechend handeln -, dass man nur noch auf Grundlage von Solidarprinzipien handelt?) Aber immerhin könnte sich eine Gesellschaft zum Ziel setzen, sich über die wichtigen, über die Schlüsselfragen von Arbeit, Ökonomie, Konsum, Natur, Leben ‘politisch’ oder besser: gemeinschaftlich zu verständigen.

Und “Glück”? An der betreffenden Stelle nimmt Altvater Bezug auf “pursuit of happiness”. Das hat mit Glück-Pech nichts zu tun, sondern mit Glück als Zufriedenheit. Außerdem bedeutet der Verweis auf Grundzüge des liberalen Denkens ja nicht, dass man sich dieses Denken zueigen macht. “Ökonomie des Glücks” ist im Buch eine Ökonomie der (abnehmenden) Arbeitszeit, der Freiheit von der Ökonomie. Und klar lautet in dem Zusammenhang eine zentrale Frage, was eine Gesellschaft eigentlich braucht. Oder anders: Sie müsste – zumindest ungefähr – entscheiden, was sie braucht und was nicht.

 
Kommentar von Till Below | 26. Dez. 2009 - 13:45h

Ich lese das Buch mit Interesse und finde es angenehm locker geschrieben. Im Krisenkapitel gibt es offenbar einen Dissens zwischen Altvater und Zelik über die Triebkräfte der Naturzerstörung. Zelik führt an, dass gerade Besitzlose oft Raubbau betreiben, während Altvater darauf beharrt, dass Zerstörung aus Profitinteressen und dem Gegensatz zwischen Arm und Reich resultiert. Ich möchte hier Zeliks Position stärken. In der Nachhaltigkeitsforschung gibt es gute Beispiele dafür, dass selbst relativ traditionelle Systeme der Ressourcennutzung an ihre Grenzen (tipping points) stoßen. Jack Siedenburg (2008) beschreibt in einer interessanten Analyse der Nutzung natürlicher Ressourcen in Tansania, wie scheinbar traditionelle Formen der kleinbäuerlichen Landwirtschaft zu massiven Problemen wie Bodenerosion, Entwaldung und Grundwasserrückgang führen. Er schlussfolgert, dass ein Mangel an local knowledge die Ursache sind und belegt dies mit einer netten Anekdote aus dem Senegal: „When during visits to farms I asked why a given neighbour followed a different strategy, a common response was for the farmer to lean forward and whisper conspiratorially, “he doesn’t know what he’s doing!” When I later spoke with said neighbour, he often made the same assertion in reverse.“ Natürlich sind die Defizite in lokalem Wissen auch historisch beeinflusst. Beispielsweise gibt es in Tansania offenbar noch Schulfibeln der ehemaligen deutschen Kolonialverwaltung die zum Abbrennen des Buschlandes aufrufen. Trotzdem erachte ich es für eine erfolgreiche Vermessung der Utopie als wichtig, ein klares Verständnis über die Problematik lokalen Wissens zu haben: lokales Wissen ist nicht grundsätzlich gut, traditionelle Mensch-Umwelt-Beziehungen sind nicht in jedem Fall nachhaltiger als hoch-vergesellschaftetete und auch Indigene haben schon den Karren an die Wand gefahren. Ein rosafarbenes Bild des Lokalen bringt einem für die kommende Gesellschaft wenig. Ich lese jetzt mal gespannt weiter, ob dieses Motiv im Schlusskapitel noch einmal auftaucht.

Die erwähnte Quelle: http://ideas.repec.org/p/qeh/qehwps/qehwps166.html

 
Kommentar von Ingo | 28. Dez. 2009 - 01:06h

»The pursuit of happiness« ist der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten entnommen und alles andere als unproblematisch. Damit ist ja auch die liberale Vorstellung verburden, jedeR ist ihres/seines Glückes Schmied – verkürzt gesagt. Die Form in der sich das vollziehen kann und soll gründet auf privatem Eigentum – das der Staat garantieren soll. Deshalb fährt auch der Text fort: »That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, — That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness.« Regierung und einen Staat braucht die liberale Vorstellung von Gesellschaft. Kann und sollte man vor diesem Hintergrund am Begriff des Glücks in dieser Form festhalten?

Aber nicht nur diese Themen müssten kritisch diskutiert werden. Schon allein der Begriff »Glück« wirft einige Fragen auf – spätestens dann, wenn ein »Bruttoinlandsprodukt für das Glück« errechnet wird (http://bit.ly/74vutK). Frieder Otto Wolf hat hierzu an anderen Stelle einen kurzen Kommentar geschrieben (http://bit.ly/6gFMCS).

 
Kommentar von Martin | 8. Jan. 2010 - 02:29h

Vielen Dank für die Lektüre! Vielleicht kommen wir nochmal in Kontakt, bzw. freue mich auf anregende Diskussionen, aber eine andere Repräsentationsform als reine Kommentare sollte schon sein.
Gibt es ein Wiki in die Richtung?

Ergänzende/Weiterführende Lesevorschläge:
Gabor Steingart – Weltkrieg um Wohlstand (gerade des historische Abrisses wegen)
Bertrand Russell – Lob des Müßiggangs (selten beachtet und doch so wertvoll!)

 
Kommentar von xy | 16. Jan. 2010 - 16:50h

Wirklich ein super Projekt. Die Debatte über Konsequenzen aus dem Versagen von Realsoz. & Kapitalismus ist sicherlich weiterzuführen und bei vielen Punkten scheint sich auch ein gewisser Konsens herauszubilden. Die Prokla 155 “Sozialismus?” hat schon sehr wichtige Erkenntnisse zusammengefasst, die eine gute Basis für eine vertieftere Diskussion bilden könnten. Die zentrale Planung war u.a. ineffizient, weil sie die Masse an Informationen die für die qualitative Entwicklung einer komplexen Wirtschaft notwendig ist, nicht verarbeiten & erfassen konnte. Die große Frage ist also wie man eine bewusste Kontrolle der Produktion & Verteilung mit dezentraler Organisation, um die Flexibilität zu erhalten, verbinden kann. Dabei stößt man quasi automatisch auf genossenschaftliche Konzepte & Rätedemokratie. Ein sehr interessantes Modell, das imho deutlich intensiver diskutiert werden sollte, ist die Peer-Economy von Christian Siefkes, die ja auch in erwähnter Prokla vorgestellt wurde. Basierend auf einem Rätesystem bietet es Vorschläge wie man tatsächlich komplett ohne Marktmechanismen auskommen könnte, denen ich nicht zuletzt nach den Erfahrung im Ostblock (bspw. Jugoslawien & Ungarn) doch ziemlich skeptisch gegenüberstehe.

 
Kommentar von Hans Hirschel | 25. Feb. 2010 - 03:52h

Zu These 1: Wenn “Kapitalismus den Güterausstoß – und damit indirekt auch Ressourcenverbrauch – ständig weiter erhöhen muss und die Menschheit deshalb in eine bedrohliche Sackgasse hinein treibt”, ist fehlende Effizienz natürlich nicht das Problem. Sorgen muss wohl eher das gute Funktionieren kapitalistischer Plusmach-Zwänge machen, oder?

Gruß, hh

 
Kommentar von Hans Hirschel | 25. Feb. 2010 - 04:15h

Zu These 1: Es scheint nicht fehlende Effizienz das Problem der kapitalistischen Plusmach-Zwänge zu sein, sondern dass man sich grad wegen ihres guten Funktionierens Sorgen machen müsste, oder?

Gruß hh

 
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