Einführung
raul zelik Vermessung der Utopie – das ist auf den ersten Blick ein einigermaßen sonderbares Unterfangen. Ein Nicht-Ort, »ein Land, das noch nicht ist«, lässt sich schlecht ausmessen. Vielleicht aber lässt sich zunächst bestimmen, wo dieses Land nicht liegt. Denn ich glaube, die gescheiterten Emanzipationsversuche in der Geschichte der Menschheit erlauben so etwas wie eine negative Vermessung; man kann daran ablesen, wie es nicht geht.
Der Zeitpunkt für ein solches Unterfangen ist gut. Oder besser gesagt: Die gegenwärtige Krise zeigt, dass eine andere Politik erstens möglich und zweitens notwendig ist. Wir haben erlebt, wie schnell eine andere Strategie entwickelt werden kann, wenn die Bereitschaft dazu vorhanden ist. In der Bankenkrise sind innerhalb weniger Tage mehrere Hundert Milliarden Euro mobilisiert worden. In den Jahren zuvor hat man uns erzählt, dass die Finanzmittel, die nötig wären, um den Hunger zu beseitigen oder die afrikanischen HIV-Infizierten mit Medikamenten zu versorgen, nicht vorhanden seien – obwohl hierfür ein Bruchteil der jetzt mobilisierten Gelder ausgereicht hätte.
Kursänderungen sind also offensichtlich jederzeit möglich, wenn das nur gewollt wird; wenn es den herrschenden Interessen entspricht. Anders ausgedrückt: Hunger oder die afrikanische Aids-Katastrophe sind das Ergebnis des herrschenden politischen Willens.
Zum anderen wird in der Krise sichtbar – es handelt sich ja eigentlich um mehrere Krisen, aber darüber werden wir noch sprechen –, dass Alternativen dringlicher werden. Es geht dabei nicht um einen Schönheitswettbewerb zwischen Systemen; darum, sich eine »bessere Welt« auszudenken. Das Überleben der Menschheit oder genauer gesagt: von Teilen der Menschheit ist durch die sich abzeichnenden Entwicklungen in Frage gestellt.
elmar altvater Ich weiß nicht, ob man etwas negativ vermessen kann. Mir fällt bei »Vermessung der Utopie« zunächst einmal der Roman Daniel Kehlmanns ein, der »Die Vermessung der Welt« ja trickreich plausibel gemacht hat: Ein Theoretiker, der Mathematiker Gauß, deduziert die Welt und braucht dazu seine Heimatstadt, das beschauliche Göttingen, nicht zu verlassen; ganz anders der Empiriker Alexander von Humboldt, der möglichst in jedes Loch auf dem Planeten gekrochen ist, jeden Tümpel durchwatet und jeden Gipfel bestiegen hat, um möglichst alle Welt zu vermessen und Wissen aus ihr herauszuholen.
Dieses Wissen in ein System zu bringen und die Regeln dieses Systems zu verallgemeinern, bringt die Wissenschaft hervor. Diese wiederum war und ist Autorität, kann sie doch den Gang der menschlichen und natürlichen Entwicklung in der Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht in der Zukunft begründen.
raul zelik Das zumindest ist die Hoffnung, ihr selbst erklärter Anspruch …
elmar altvater Wo nun gemessen werden kann, ist Utopie nicht nur ein Nicht-Ort, »ein Land, das noch nicht ist« – nein, sie ist ein handfester Widerspruch. Das Konzept des Messens muss im und am Utopischen scheitern, und deshalb haben Utopien auch einen so schlechten Ruf. Der Fortschritt scheint von der Utopie weg hin zur Wissenschaft zu gehen, jedenfalls hat dies Friedrich Engels so gesehen. Utopien messen zu wollen ist selbst ein utopisches, ein vermessenes Unterfangen.
In der Krise verschiebt sich das allerdings ein wenig. Eine »Neuvermessung der Welt« ist plötzlich nichts gänzlich Utopisches mehr. Sie wird zum Thema der Realpolitik, und so ist die als notwendig erachtete Neuvermessung das Geschäft jener think tanks, die sich für die wissenschaftliche Beratung der Politik bezahlen lassen.
Wir wollen hier aber keine Politikberatung betreiben. Die Utopie, um die es hier geht, hat mit einer anderen Vermessung zu tun – wie sie in einem Text von Heinrich Heine aus dem Jahr 1835 auftaucht. Darin heißt es:
»Wir haben die Lande gemessen, die Naturkräfte gewogen, die Mittel der Industrie berechnet, und siehe, wir haben herausgefunden, dass diese Erde groß genug ist; dass
sie jedem hinlänglichen Raum bietet, die Hütte seines Glücks darauf zu bauen; dass diese Erde uns alle anständig genug ernähren kann, wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des andren leben will; und dass wir nicht nötig haben, die ärmere Klasse an den Himmel zu verweisen.«
Darum geht es oder sollte es uns gehen: Wir Menschen – die neun Milliarden, die wir bald sein werden – können alle ein auskömmliches Leben haben, aber dafür müssen wir etwas tun und gleichzeitig vieles unterlassen. Wir müssen die Erde umgestalten, sie sozusagen ökologisch herrichten. Denn in den wenigen Jahrhunderten seit der fossilen und industriellen Revolution ist die Natur rücksichtslos ausgebeutet worden. Wir müssen die Klimakatastrophe verhindern und dafür sorgen, dass der sich verschärfende Kampf um Rohstoffe nicht in ein Gemetzel mündet. Wir müssen verhindern, dass Finanz- und Wirtschaftskrise die sozialen Gegensätze nicht noch weiter verschärfen.
Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat unlängst in einem Interview die Befürchtung geäußert, die Krisen des Kapitalismus könnten erneut zu einem großen und extrem blutigen Krieg führen. Ich hoffe sehr, dass das nur die Fantasien eines alten Mannes waren, der zwei Weltkriege und das von ihm so bezeichnete »Zeitalter der Extreme« miterlebt hat. Doch ich befürchte, dass Hobsbawm mit seinem Szenario Recht behalten könnte.
Die Maßgaben für ein utopisches Projekt liegen also auf der Hand: den Menschen auf Erden ein Auskommen zu ermöglichen und sie nicht länger auf das Paradies zu verweisen…
raul zelik … wobei es aber nicht nur um »Brot«, um die Grundversorgung der Menschen geht, sondern auch um etwas, das man allgemein und knapp mit dem Begriff des anderen, glücklicheren Lebens beschreiben könnte. Ein Leben, in dem Kommunikation, Arbeit, soziale Beziehungen einen anderen Stellenwert und Inhalt besitzen.
elmar altvater Richtig. Aber auch da gilt: Utopien können vermessen sein, den Ansprüchen nicht gerecht werden. Dieses doppelten Sinnes sollten wir uns bewusst sein. Denn man kann der Gefahr nicht einfach entfliehen: Selbstverständlich können wir uns ver-messen, wenn wir über etwas sprechen, das nicht oder noch nicht existiert.
Wir brauchen also eine Reflexion über utopische Entwürfe und müssen beantworten können, inwieweit diese Entwürfe einigermaßen realistisch sind. Ob sie tauglich sind, müssen wir daran messen, ob sie den Menschen ein gutes Leben ermöglichen– in ökologischer, sozialer, politischer Hinsicht. Ob sie ermöglichen, die Grundbedürfnisse aller Menschen zu befriedigen, die Natur zu bewahren – aber auch, ob sie zu einer herrschaftsfreien Welt führen, in der die Menschen ihr Leben, auch ihr Arbeitsleben, selbst gestalten können und nicht nur Untertanen sind.
Wir müssen das versuchen, auch wenn wir wissen, dass jeder Versuch, diese Ziele zu verwirklichen, auf harten politischen Widerstand stoßen wird.

