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	<title>Vermessung der Utopie - Mythen des Kapitalismus und die kommende Gesellschaft</title>
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	<description>Debatten-Site über eine Zukunft nach dem Kapitalismus</description>
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		<title>zum begriff ökonomie II</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Sep 2009 16:39:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkapitel]]></category>
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		<description><![CDATA[raul zelik Der Schweizer Ökonom Hans-Christoph Binswanger hat vor über dreißig Jahren davon gesprochen, dass man die Wachstumsrate begrenzen müsse. Donella und Dennis Meadows, ­ihres Zeichen Umweltwissenschaftlerin und Ökonom, haben 1972 in der Studie »Die Grenzen des Wachstums« für den Club of Rome etwas ganz Ähnliches festgestellt.
Binswanger ist nun kein Linker …

elmar altvater… wahrlich nicht [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>raul zelik</strong> Der Schweizer Ökonom Hans-Christoph Binswanger hat vor über dreißig Jahren davon gesprochen, dass man die Wachstumsrate begrenzen müsse. Donella und Dennis Meadows, ­ihres Zeichen Umweltwissenschaftlerin und Ökonom, haben 1972 in der Studie »Die Grenzen des Wachstums« für den Club of Rome etwas ganz Ähnliches festgestellt.<br />
Binswanger ist nun kein Linker …</p>
<p>
<strong>elmar altvater</strong>… wahrlich nicht …</p>
<p>
<strong>raul zelik</strong>… Josef Ackermann, der Chef der Deutschen Bank, hat bei Binswanger promoviert und hält nach wie vor Festreden für ihn. Daran kann man sehen, wie wenig die wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnis in Anbetracht der realen Machtverhältnisse auf dem Markt zu bewegen vermag. Denn wohl nichts widerspricht der These Binswangers von der Beschränkung des Wachstums so sehr wie Ackermanns wahnwitzige Renditeziele, die jede natürliche und soziale Schranke durchbrechen.<br />
Anyway … Binswanger meint, dass hohes Wachstum die ökologische Grundlage der Ökonomie insgesamt infrage stellt. Andererseits vertritt er – wenn ich das richtig verstanden habe – auch die These, dass der Kapitalismus Wachstum benötigt. Was bedeutet das, wenn Wachstum die Gesellschaft mittelfristig zerstört, der Kapitalismus aber ohne Wachstum nicht auskommt? Haben wir es mit einer systemischen Grenze des Kapitalismus zu tun?<br />
<strong></strong></p>
<p><strong>elmar altvater</strong> Ich denke, ja … Und auch das kann man mit dem oben erwähnten Doppelcharakter der Ökonomie gut erklären. Auf der stofflich-energetischen Seite wächst nämlich gar nichts. Da finden nur qualitative Transformationen statt. Wir nutzen die Energie, die wir vor allem in Form von Kohle und Erdöl aus dem Erdreich holen und verbrennen. Dabei hinterlassen wir in den Senken der Erde entsprechende Schadstoffe. Aber dabei wächst per Saldo gar nichts, nur die Entropie steigt, das heißt, wir können die einmal genutzte Energie kein zweites Mal nutzen. Über die thermodynamischen Gesetze kann auch der Mensch nicht hinaus. Es findet eine qualitative Transformation statt, und zwar nicht unbedingt zum Besseren, wie wir das ganz empirisch an den Veränderungen der Naturbedingungen sehen. Es gibt ein hübsches polnisches Sprichwort, das diesen Sachverhalt veranschaulicht: Du kannst aus einem Aquarium Fischsuppe machen, aber aus Fischsuppe kein Aquarium.<br />
Eine kapitalistische Ökonomie bedarf jedoch eines Mehrwerts, eines Profits. Diese Systemlogik kann nicht verlassen ­werden, solange der Kapitalismus als institutionelles System akzeptiert wird. Unter den existierenden Bedingungen muss Überschuss produziert werden. Im ökologisch-stofflichen Sinne ist dies aber gar nicht möglich, weil nur Stoffe und Energien transformiert werden.</p>
<p>Aristoteles, auf den der Begriff der oikonomia zurückgeht, hat zwischen Haushalten und Geldwirtschaft unterschieden und die These aufgestellt, dass monetär erzeugte Überschüsse eigentlich ein Unding sind, weil sie Gesellschaft und Natur schädigen. Durch Quantitativismus und Geld werden, so könnte man mit Aristoteles sagen, monetäre Beziehungen geschaffen, die die Gesellschaft spalten. Arbeitskräfte und Kapitalisten gab es zu Aris­to­teles’ Zeiten noch nicht – aber Schuldner und Gläubiger. Er sah, dass solche Gegensätze bis hin zu Bürgerkriegen führen können, und in seiner Schrift über die Verfassung Athens bezeichnet er als größte Leistung Solons denn auch nicht, dass dieser Athen eine Verfassung gab, sondern dass Solon den Grundkonflikt von Schuldnern und Gläubigern durch eine Entschuldung aufhob.<br />
Das geschah auch im Jubeljahr, im Jubiläum, von dem im Alten Testament berichtet wird, und dies sollte, von ­christ­lichen Solidaritätsgruppen gefordert, auch zum Millennium im Jahr 2000 geschehen. Doch nichts dergleichen passierte, der Widerstand der Banken und ihrer politischen Sachwalter war zu groß. Denn man darf ja nicht vergessen: Wer Schulden streichen will, mindert Forderungen, also Geldvermögen.<br />
Aber zurück zum Thema Wachstum: Die OECD brachte vor einigen Jahren eine Schrift zur »Millenniumsentwicklung« seit ­Chris­ti Geburt heraus. Man versuchte, das Sozialprodukt seit dem Jahre Null quantitativ zu fassen und in Dollarwerten des Jahres 1990 auszudrücken, um dann die Sozialprodukte über die letzten zwei Jahrtausende – und zwar in allen Weltregionen, auf allen Kontinenten – miteinander zu vergleichen. Das ist natürlich ein aberwitziges Unterfangen, auf das nur ein moderner Mensch, ausgestattet mit der »euro­päischen Rationalität der Weltbeherrschung«, wie Max Weber dies nennt, kommen kann – eine völlig verrückte Idee. Wie auch immer– das Ergebnis ist einigermaßen plausibel.</p>
<p>
Es besagt, dass es vor Heraufkunft der industriellen Revolution, die ja zugleich auch eine fossilistische war, kein oder kaum Wachstum gab. Noch einmal: Vor dem Kapitalismus – vor der Trennung von Lohnarbeit und Kapital, vor der Umwandlung fossiler Energien in Arbeitsenergie, vor dem gesellschaftlichen Prinzip, ein Mehrprodukt und einen Mehrwert erzeugen zu müssen – gab es kein Wachstum. Bei Marx gibt es im »Kapital«, Band 1, eine Fußnote, in der geschildert wird, wie die Königsberger einen Müller in der Ostsee ertränkten, weil er eine technische Innovation eingeführt hatte, durch die mehr produziert werden und Arbeitskräfte entlassen werden konnten. Seine Zeitgenossen haben ihn einfach ersäuft. Ähnliche Beispiele werden auch aus dem alten Rom berichtet.<br />
Es gab also über einen langen Zeitraum keinen Wachstums- und Innovationszwang, sondern, im Gegenteil, eher ­einen »Stag­nationszwang«.</p>
<p>
Was es auch in vorindustriellen Zeiten gab, war der Glaube an Reichtum aus dem Nichts, an ein Schlaraffenland unendlicher Bedürfnisbefriedigung, an Wachstum, ohne dass die Zeit vergeht. Das hat der von Ihnen zitierte Hans Christoph Binswanger in seiner schönen ökonomietheoretischen Interpretation von Goethes »Faust« gezeigt. Solange das Geld aus dem Naturstoff Gold besteht, ist die Mehrung des Reichtums mit Mühe und Leid verbunden, und das Gold bleibt wie alle anderen Stoffe, die aus der Kruste gekratzt werden müssen, begrenzt. Die Magie des Geldes beginnt mit dem Papiergeld, das sich fast unendlich vermehren lässt – und mit ihm auch der Reichtum. Dies verleiht Macht und ermöglicht – so sagt es der US-amerikanische Wirtschaftshistoriker Richard Eas­ter­lin – »triumphierendes Wachstum«. Um diesen Triumph auszukosten, schließt Faust seinen Pakt mit Mephistopheles.<br />
<strong></strong></p>
<p>
<strong>raul zelik </strong>Aber wenn erst der Kapitalismus den Stagna­tionszwang überwand, ist er ja doch ein wunderbares System. Oder anders ausgedrückt: Nicht alles war schlecht im Kapitalismus! Wer möchte schon die Getreidemühle weiter mit der Hand bedienen? Die vom Akkumulationszwang ausgelöste Dynamik hat eine rasante Entwicklung ermöglicht und das Leben unfassbar erleichtert. Oder zumindest könnte diese Dynamik – wie Dietmar Dath in seiner Sozialismusstreitschrift nicht müde wird zu betonen –  das Leben immens erleichtern, wenn man diese Entwicklung zugunsten der Gesellschaft und nicht zum Zweck weiterer Akkumulation nutzen würde.</p>
<p><strong>elmar altvater</strong> Man sollte technische Entwicklungen nicht mit Wachstumsdynamiken in eins setzen. Technische Entwicklungen haben das Leben zweifellos erleichtert. Doch Wachstum unter kapitalistischen Bedingungen ist eine sehr ambivalente Errungenschaft.<br />
Es ist natürlich angenehm, mit dem Auto von A nach B zu fahren. Aber nur, wenn das nicht zu viele wollen. Sind zu viele mit dem Auto unterwegs, stehen wir im Stau, und das Automobil wird zu einem Immobil. Es geht also immer um die Frage, wie wir Güter gesellschaftlich nutzen. Wir sind gesellschaftliche Wesen, und das wird uns, auch dem ausgepräg­testen Individualisten oder libertären Sozialisten, spätestens dann klar, wenn wir im Stau stehen. Darin steht man nämlich nur, weil man mit anderen dasselbe zu tun gedenkt; weil viele zugleich nach dem enjoyment of life streben.<br />
Ob eine Entwicklung also zu einer Erleichterung führt, hängt stark von äußeren gesellschaftlichen Bedingungen ab. Viele der hergestellten Güter sind positionelle Güter. Der Nutzen dieser Güter wird davon bestimmt, wie andere und wie viele andere sie nutzen. Das Häuschen im Grünen gibt es nur so lange, wie es auch Grün gibt. Wenn zu viele Häuschen im Grünen gebaut werden, verschwindet das Grün, und wir befinden uns auf einmal in einer tristen Reihenhaussiedlung. Das ist im Übrigen ein weiteres Beispiel dafür, wie individuelle Rationalität in gesellschaft­liche Irrationalität umschlagen kann. Wir sind gesellschaftliche Wesen, sind aber daran gewöhnt, unsere Entscheidungen individuell zu treffen, als gäbe es die Gesellschaft nicht. Wir haben es verlernt, gemeinschaftliche Entscheidungen, die unser individuelles Verhalten betreffen, in einem kollektiven Prozess zu fällen. Der ­Libe­ra­lismus – und erst recht der Neoliberalismus – haben zu einer Verstümmelung der Gesellschaftlichkeit unserer individuellen Existenz geführt. Daher ist es in gewisser Weise konsequent, wenn Philosophen wie Peter Sloterdijk in einer Art kleinbürgerlich-kleinkariertem Poujadismus den Beitrag zum Gemein­wesen in Form von Einkommenssteuern heftig und ­empört infrage stellen. Da singt Sloterdijk im Chor mit neoliberalen Ökonomen, lauten Medienstimmen und konservativen Politikern.</p>
<p>Dazu kommt noch etwas anderes: Nehmen wir die frühbürgerlichen Ökonomen des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel John ­Stuart Mill. Die kapitalistische Entwicklungsdynamik schätzte Mill sehr. Ab ­einem bestimmten Punkt jedoch, merkte er an, komme es darauf an, mehr Zeit »für Kontemplation« zu haben. Wachstum heißt Beschleunigung, und die wird ab einem bestimmten Moment lästig, weil sie Hektik produziert. Das frühbürgerliche Denken fand in agrarischen Verhältnissen statt. Die Leute lebten noch in und mit der Natur. Sie nahmen wahr, dass Wachstum Zeit braucht – und irgendwann aufhört. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, die Kinder hören irgendwann auf zu wachsen, sie werden erwachsen, und es wäre auch schlecht, wenn sie das nicht täten. Das führte dazu, dass bürgerliche Ökonomen wie John Stuart Mill der Überzeugung anhingen, kapitalistisches Wachstum sei wichtig, erreiche jedoch irgendwann eine Grenze, an der das Wachstum nicht weiter erstrebenswert sei und man zur »Kontemplation« zurückfinden müsse, um Zeit zu haben für sich und die Natur. Das war natürlich eine luxuriöse Vorstellung, die für Proletarier unerreichbar blieb. Denn diese waren immer von der Hetze des Arbeitstages geplagt, und wenn sie das nicht waren, stellte sich ihre Situation noch schlimmer dar: Dann waren sie arbeitslos und hatten kein Einkommen.</p>
<p>Ich will sagen: Der moderne Wachstumsdiskurs hat eine sehr kurze Geschichte. Er ist erst nach dem Ersten Weltkrieg aufgekommen. Auch Marx war kein Wachstumstheoretiker, obwohl er ­Grund­lagen dafür schuf. Er zeigte auf, wie sich die verschiedenen Abteilungen (die Investitionsgüterproduktion einerseits und die Kon­sumgüterproduktion andererseits) bei »erweiterter Reproduk­tion«, also bei Wachstum, entwickeln müssen, damit das Ganze in einem – immer prekären – Gleichgewicht bleibt. Er legte dar, was die Bedingungen eines solchen Gleichgewichts wären, und wies nach, dass dieses Gleichgewicht im Kapitalismus nur schwerlich eintritt und durch Krisen der Akkumulation unterbrochen wird.<br />
Die Wachstumstheoretiker haben sich teilweise darauf ­be­rufen, aber erst nach der russischen Revolution. Wenn ich das nicht falsch sehe – ich habe mich damit ein wenig beschäftigt, aber einiges mag mir entgangen sein –, ist die erste Wachstumstheorie in der jungen Sowjetunion entwickelt worden, und zwar von den Ökonomen Stanislav Strumilin, der auch den später in der Neoklassik so zentralen Begriff des »Human­kapitals« bereits benutzte, sowie von Grigory Feldman, der auf der Grundlage der von Marx entwickelten Reproduk­tionsschemata eine Wachstumstheorie für die Sowjetwirtschaft entwickelte.</p>
<p><strong>raul zelik</strong> Sozusagen Lenins Rache: Der Kapitalismus geht an einer Wachs­tumsideologie zugrunde, für die sowjetische Ökonomen die Grundlage schufen …</p>
<p><strong>elmar altvater</strong>Nicht ganz, denn der Wachstumszwang war dem Kapitalismus schon vorher zueigen. Aber die Wachstumstheorien scheinen tatsächlich erstmals von sowjetischen Ökonomen entwickelt worden zu sein. Diese wollten zeigen, dass die beiden »Abteilungen«, also Investitions- und Konsum­güterproduktion, in einem proportionalen Verhältnis ­zueinander wachsen müssen und dass eine sozialistische Planwirtschaft dynamischer ist als der krisengeschüt­telte Kapitalismus.</p>
<p><strong>raul zelik</strong>Ein Plan, an dem die Sowjetunion phänomenal scheiterte: Kon­sumgüter blieben stets Mangelware.</p>
<p><strong>elmar altvater</strong> Es ging damals um eine Mathematisierung von Wachstumsprozessen. All das sollte dazu führen, den Kapitalismus, die entwi­ckelteren Staaten, mit einer nachholenden sozialistischen Akkumulation zu überholen. Also noch mal: Auch der Realsozialismus unterlag – oder unterwarf sich– einem Akkumulationszwang.<br />
Es kam das Jahr 1929, und eine interessante Entwicklung trat ein: Die kapitalistische Welt brach in den Jahren nach dem Börsencrash ein, und in der Sowjetunion wurde der erste ­Fünf­jahres­plan umgesetzt. Während man in der UdSSR zweistellige Wachstumsraten verzeichnete, schrumpften die kapitalistischen Ökonomien um 20, 30 Prozent. Die Antwort darauf ist bekannt: Die Keynes’sche Theorie setzte sich durch, wobei ganz ähnliche Konzepte unabhängig von Keynes auch von anderen Ökonomen entwickelt wurden. Es ging darum, die Stagnation zu überwinden. Erst vor diesem Hintergrund entwickelten Stagna­tionstheoretiker wie der US-Amerikaner Alvin Hansen (1887–1975) in den Dreißiger- und frühen Vierzigerjahren Wachstumstheorien. Dabei ging es darum, den Vorsprung vor der Sowjetunion zu wahren. Heute wird das ja oft vergessen: Bis in die Sechzi­gerjahre wuchs das sozialis­tische Lager – ab 1945 handelte es sich nicht mehr nur um die Sowjetunion, sondern um mehrere Staaten in Ost- und Mittel­europa sowie Asien – deutlich schneller als die westlichen Länder. Mit dem aufkommenden Systemwettbewerb wurde die Wachstumsrate zum Erfolgsindikator.<br />
Erst seitdem ist Wachstum ein so fetischartiger Begriff.</p>
<p><strong>raul zelik</strong> Auf die Frage, wie sich eine Gesellschaft, ihre Produktion und ihre Arbeit weiterentwickeln können, ohne zu wachsen und ohne vor allem immer schneller wachsen zu müssen, müssen wir später zurückkommen. Denn natürlich ist Stagnation nicht erstrebenswert. Dass sich Technik, Arbeits­organisation, Wissen weiterentwickeln, ist ja großartig. Wachstumskritik – zumindest wenn sie intelligent ist – darf sich deshalb nicht gegen Innovationen, sondern nur gegen den Zwang richten, immer mehr Arbeit verwerten und immer größere Mengen an Gütern und Dienstleistungen ausstoßen zu müssen.<br />
Aber bleiben wir bei den Grundbegriffen der Ökonomie. Wir haben über Wachstum gesprochen. Es gibt einen zweiten großen gesellschaftlichen Fetisch: Arbeit. Gewerkschaften, Unternehmen, Parteien, die Medien – alle stoßen in das gleiche Horn: Es muss Arbeit geschaffen werden. Jede/r, die oder der ein bisschen darüber nachdenkt, müsste dagegen einwenden, dass Ökonomie eigentlich die Verringerung von notwen­diger Arbeitszeit bedeutet. Das heißt: möglichst wenig Arbeits­­aufwand bei möglichst großem Wohlbefinden. In dem Zusammenhang stellt sich dann das Problem, Einkommen und unangenehme Arbeit gerechter zu verteilen.<br />
Auch das scheint mir ein interessantes Paradoxon. Das ­Kapital beruht letztlich auf vergegenständlichter Arbeit, das heißt, aus der Perspektive des Kapitals betrachtet sollte möglichst viel gearbeitet werden, weil es sich genau dadurch vermehrt. Trotzdem sorgt das Kapital mithilfe von Ration­a­lisierung und Automatisierung dafür, die gesellschaftlich not­wendige Arbeit ständig zu verringern …</p>
<p>
<strong>elmar altvater</strong> … ja, auf dieses Paradoxon hat Marx hingewiesen …</p>
<p><strong>raul zelik</strong>… und die Gewerkschaften, die als Vertretung von Arbeitern und Angestellten eigentlich dafür sorgen sollten, dass weniger ­gearbeitet wird, propagieren in teuren Werbe­kampagnen: ­Arbeit! Arbeit! Arbeit!<br />
Die Forderungen müssten jedoch – gerade in Zeiten der Krise – genau in die entgegengesetzte Richtung gehen. Das Kapital erfüllt eine historische Mission, wenn es die notwendige Arbeit reduziert. Diskutiert werden muss darüber, wie die verbleibende Arbeit sinnvoll und solidarisch aufgeteilt und ein menschenwürdiges Einkommen für alle sichergestellt werden kann. Also her mit der 30-Stunden-Woche! Schon der ­Begriff Beschäftigung ist irrsinnig: Geht es uns denn um die so­zialtherapeutische Ausgestaltung von Lebenszeit?</p>
<p><strong>elmar altvater </strong>Mir fällt in diesem Zusammenhang eine Stelle aus den Marx’schen »Grundrissen« von 1857 ein. In der Ausgabe von 1953 findet man das auf der Seite 595 (lacht)… Das habe ich bis heute nicht vergessen. Da wird die Erzeugung von freier Zeit als zentrales Ziel nicht kapitalistischen Wirtschaftens definiert. Heute würde man vielleicht ­sagen: Zeitwohlstand ist die Zielsetzung einer Ökonomie des Glücks, ­einer Ökonomie, die den Menschen und nicht die Kapitalverwertung in den Mittelpunkt stellt.<br />
Das wirft aber ein grundsätzliches Problem auf: Eine solche Umdefinierung der Ökonomie würde auf eine Entmachtung des Kapitals hinauslaufen. Denn Kapital heißt Verwertung von Arbeitskraft, und wenn sich die Arbeitskraft dieser Verwertung ­entzieht, dann verändert sich auch die Gesellschaft auf radikale Weise.</p>
<p>Der französische Philosoph André Gorz hat dies vor über 20 Jahren ausführlich erörtert und zwischen autonomer und heteronomer, also zwischen selbst- und fremdbestimmter Arbeit unterschieden – wobei er jene Arbeit als heteronom bezeichnete, die man nicht gerne tut, die aber unter Umständen getan werden muss. Es ist sicherlich angenehmer, im Café zu sitzen und sich mit Leuten zu unterhalten, als den Müll aufzusammeln, den diese Leute im Café produzieren. Es muss also ein Austausch zwischen autonomer und heteronomer Arbeit gefunden werden. Das ist ein zivilisatorischer Prozess, den man nicht dekretieren kann, sondern über den man sich in ­einer Gesellschaft verständigen muss.<br />
Voraussetzung ist aber Folgendes: Wenn ich weggehe von der Arbeit als Prinzip, dann stelle ich den Kapitalismus infrage. Denn nur durch Arbeit wird jener Mehrwert produziert, der als Profit für die Unternehmen, als Rendite für die Spekulanten und Banker usw. verteilt werden kann. Sonst geht das alles nicht.</p>
<p><strong>raul zelik </strong>Und warum sind Gewerkschaften so unfähig, dies deutlich zu machen?</p>
<p><strong>elmar altvater</strong> Wenn man zu einer anderen Organisation der Arbeit, einem anderen Verhältnis von Arbeitszeit und Nicht-Arbeitszeit übergehen will, rüttelt man an einem institutionellen Rahmen, in dem man gleichzeitig politisch agiert. Und dieser Widerspruch hat bislang immer dazu geführt, dass man den institutionellen Rahmen anerkennt und versucht, innerhalb des Rahmens das Beste herauszuholen. Es ist der typische Widerspruch zwischen revolutionärer Erkenntnis, dass die grundsätzlichen Bedingungen verändert werden müssen, und der reformistischen Praxis, die akzeptiert, dass dieser ­institutionelle Rahmen nicht einfach per Dekret »abgeschafft« werden kann.</p>
<p>Wenn wir gegen den Kapitalismus agieren, befinden wir uns innerhalb des Kapitalismus und nicht irgendwo auf dem Mond. Wir können uns aus den Räumen, die kapitalistisch durchdrungen sind, nicht einfach hinausbewegen. Und mehr noch: Die gemeinsame Verortung im sozialen Raum ist die Grundlage für eine Vielfalt von sozialen Kompromissen, beispielsweise für die Kooperation von Gewerkschaften und Unternehmensmanagement. Militanz kommt erst dann auf, wenn die kooperative Linie scheitert. Aber ob die Militanz progressiv wirkt, hängt sehr von der örtlich, regional spezifischen Kultur und von den Zielsetzungen ab.<br />
<strong>raul zelik</strong> Und doch: Obwohl wir in der kapitalistischen Realität verhaf­tet sind, müssen wir ständig versuchen, uns aus ihr heraus­zu­be­wegen. Eine grundlegende Veränderung gibt es nur, wenn man über den bestehenden Zustand hinausdenkt und -agiert.<br />
Aber zurück zu unserer ursprünglichen Frage. Wir haben festgehalten, dass die real existierende Ökonomie nicht sparsam mit Ressourcen und Lebenszeit umgeht. Aber was ist »Ökonomie« dann überhaupt? Ist der Begriff untrennbar mit dem Kapitalismus verknüpft?</p>
<p>Die Unterscheidung in Politik und Ökonomie war im Feudalismus ja gänzlich unbekannt. Wer herrschte, eignete sich unmittelbar an, was die Leibeigenen erwirtschafteten: Politische und ökonomische Herrschaft fielen in eins. Man könnte also vermuten, dass Ökonomie nur im Kontext des Kapitalismus einen Sinn hat.</p>
<p><strong>elmar altvater</strong>Bei Aristoteles ist Ökonomie die Hauswirtschaft, die vom »guten Familienvorstand« gelenkt wird und dazu dient, die Versorgung der Familie sicherzustellen. Das bedeutete, dass zur richtigen Zeit gesät und geerntet wurde, die Werkstücke und Werkzeuge vorhanden waren, Reparaturen stattfanden etc. Davon unterschied Aristoteles die Chrematistik, also die Geldwirtschaft, die mit ­ihrer »triumphierenden« Steigerungsdynamik den Rahmen der Hauswirtschaft sprengt und eine Gesellschaftsspaltung in ­Gläu­biger auf der einen und Schuldner auf der anderen Seite bewirkt. Diese Unterscheidung ist in den Folgejahrhunderten mit der Maßgabe übernommen worden, dass die Geldwirtschaft gegenüber der Versorgungswirtschaft nicht überhandnehmen dürfe. Man hat das mit dem Zinsverbot zu erreichen versucht, das ebenfalls auf Aristoteles zurückgeht. »Geld kann keine Jungen bekommen«, hieß es bei dem griechischen Philosophen. Das war natürlich der Perspektive der agrarischen Welt geschuldet: Kühe kriegen Kälber, aber Geld kriegt keine Jungen.<br />
Diese Haltung machte sich die katholische Kirche im kanonischen Zinsverbot zu eigen, und sie besteht bis heute – zumindest formell – im islamischen Zinsverbot fort, das über andere Wege ebenfalls auf Aristoteles zurückgeht.</p>
<p>In Europa fiel dieses Verbot erst im 16. Jahrhundert unter dem Ansturm kapitalistischer Formen in den oberitalienischen Städten und mit dem Kolonialhandel – also der Plünderung aller ­Kon­tinente und den Importen des geraubten Goldes und Silbers vor allem aus Lateinamerika. Der Geldverkehr wuchs rasant, die italienischen Bankhäuser, die Augsburger Fugger und Welser, ­später auch die Häuser in Antwerpen, Brügge, Amsterdam gewannen enorm an Bedeutung. Dadurch wurde die »harte Budgetrestriktion« des Zinses in die Welt gesetzt; ihr mussten sich nun die Kapitalisten, die Kredite aufnahmen, unterwerfen, indem sie Erträge erwirtschafteten, die sich an den zu zahlenden Zinsen messen lassen konnten. Das heißt, sie mussten entsprechende Überschüsse erzielen.<br />
Zu Beginn des Kapitalismus waren die Zinsen sehr viel ­volatiler als heute, das heißt, sie schwankten stark – ganz einfach deshalb, weil weniger gehandelt wurde, weil die Geld- und Kapitalmärkte nicht entwickelt waren –, und sie waren ausgesprochen, ja wucherisch hoch. Mit der Zeit sank der Zins auf ein Niveau, das zumindest im Normalfall unterhalb der Profitrate lag. Unternehmen konnten sich also verschulden, mit dem Kredit einen Mehrwert erwirtschaften und daraus ­einigermaßen sicher den Schuldendienst leisten.</p>
<p>Grob gesprochen: Mit der Zeit gewann die Mehrwert­produktion immer stärker an Bedeutung; dies kulminierte schließlich am Ende des 20. Jahrhunderts im finanzgetriebenen Kapitalismus.<br />
Man kann das alles aber auch anders interpretieren, und zwar so, wie es in den Marx’schen »Grundrissen« steht und später von Rosa Luxemburg aufgegriffen wurde. Demnach sollte sich die Ökonomie in einer Ökonomie der Zeit auf­lösen. Mit der Steigerung der Produktivkraft und der Verringerung der notwendigen Arbeitszeit würde irgendwann auch die Öko­nomie selbst hinfällig. Dann würde sich das eröffnen, was Marx utopisch das »Reich der Freiheit« nannte – ein Reich, das frei ist von ökonomischen Sachzwängen.<br />
In diesem Zusammenhang muss man auch über den Begriff der Ökonomie reden, wie er uns im Alltag begegnet, nämlich eben in der Terminologie der »ökonomischen Sachzwänge«. Als Ökonomie wird im Allgemeinen das verstanden, was die »Wettbewerbsfähigkeit« steigert. Das ist der Maßstab, an dem sich alles bemisst. Hier kommen Zwangsverhältnisse als ökonomisches Gesetz daher, das von den Hohepriestern der Moderne, den ökonomischen Sachverständigen, täglich aufs Neue verkündet wird. Ökonomie wird auf diese Weise auf eine Wiederholung nicht hinterfragbarer Zwangsgesetze reduziert.<br />
Das war aber nicht immer so und muss auch nicht immer so sein. Denn die »Zwangsgesetze« sind Fetische, und das Wort ­Fetisch kommt aus dem portugiesischen feiticio. Das bedeutet Machwerk – und Machwerke können auch verändert werden.</p>
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		<title>zum begriff »ökonomie« I</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Sep 2009 16:31:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Buchkapitel]]></category>

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		<description><![CDATA[raul zelik Jede Utopie spiegelt die existierenden Verhältnisse wider – sie entwickelt sich als Kritik an diesen. Bevor wir über die Utopie sprechen, sollten wir also zunächst versuchen, die Verhältnisse zu vermessen, in denen wir leben. Beginnen wir mit dem Begriff der Ökonomie.

elmar altvater Einverstanden.

raul zelik Dietmar Dath, einer der wenigen jüngeren deutsch­sprachigen Schriftsteller, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>raul zelik</strong> Jede Utopie spiegelt die existierenden Verhältnisse wider – sie entwickelt sich als Kritik an diesen. Bevor wir über die Utopie sprechen, sollten wir also zunächst versuchen, die Verhältnisse zu vermessen, in denen wir leben. Beginnen wir mit dem Begriff der Ökonomie.
<p>
<strong>elmar altvater</strong> Einverstanden.
<p>
<strong>raul zelik</strong> Dietmar Dath, einer der wenigen jüngeren deutsch­sprachigen Schriftsteller, die heute deutlich antikapitalistische Positionen beziehen, hat 2008 das Buch »Maschinenwinter. Streitschrift für den Sozialismus« veröffentlicht. Darin heißt es:</p>
<blockquote><p>»­Selbstverständlich ist eine Gesellschaft schweinisch, die einerseits für ihre Spitzensportler Laufschuhe mit eingebauten Dämpfungscomputern bereitstellt, andererseits aber alten Frauen mit Glasknochen die Zuzahlung zum sicheren Rollstuhl verweigert und einen Pflegenotstand erträgt, für den sich tollwütige Affenhorden schämen müssten. (…) Selbstverständlich ist eine Gesellschaft widerlich, die all diese Dinge sogar in ihren leidlich gepols­terten Gewinnergegenden zulässt; (…) doch unanständig, schweinisch, obszön, widerlich: Davon rede ich nicht. Moral ist Glückssache und setzt Deckung der wichtigsten Lebensbedürfnisse voraus; meistens hat man andere Sorgen. Ich rede (…) davon, dass das alles nicht vernünftig ist und deshalb nicht funktionieren kann. Wer es sich kalten Herzens, wachen Auges anschaut und dann noch ruhig zu verneinen imstande ist, dass möglich sein muss, die Dinge besser einzurichten, ist nicht böse, sondern entweder faul genug, sich betrügen zu lassen, oder vom Geburtszufall ausgelost worden, die im Ganzen seltene, vorläufig aber noch ganz einträgliche Elendsgewinnlerei betreiben zu dürfen, an der dieses Ganze krankt.«</p></blockquote>
<p>Das scheint mir ein guter Ausgangspunkt zu sein: Das System, in dem wir leben, das wir leben, das durch uns lebt, ist nicht in erster Linie unmoralisch. Es ist vor allem unvernünftig, ­irrational, ineffizient.
<p>
<strong>elmar altvater </strong>Das ist seit Beginn des Bürgertums bekannt. Einer der Ersten, der auf diese Unvernunft hingewiesen hat, war 1701 der Arzt und Philosoph Bernard de Mandeville, der in seiner »Bienenfabel« zeigte, dass das System nur bestehen kann, wenn die Menschen kleine Verbrechen und große Gemeinheiten begehen. Nicht die Tugend, sondern das lasterhafte, das »schweinische« Verhalten hält den ökonomischen Kreislauf in Gang und steigert so den »Wohlstand der Nationen«. Wo es kein Verbrechen gibt, braucht man keine Schlösser, wo es keine Schlösser gibt, braucht man keinen Schlosser, und wo es keinen Schlosser braucht, gibt es keine Arbeit. Anders ausgedrückt: Das Verbrechen ist nötig, damit diese Wirtschaft weiterläuft.<br />
Mandeville hat das sehr schön, sehr ironisch und anhand vieler Beispiele dargestellt und gezeigt, wie aus dem privaten Laster öffentliche Tugenden entstehen können. Eine Gesellschaft, die das private Laster – die Verdrängung des Anderen– braucht, um eine öffentliche Tugend – ökonomischen ­Zu­gewinn – herzustellen, kann aber nur unvernünftig sein.<br />
Wir könnten außer Mandeville sicher noch zahlreiche andere Beispiele aus der Literatur und der Wissenschaft finden, die die Irrationalität des Kapitalismus kritisch aufspießen.
<p>
<strong>raul zelik</strong> Man könnte es auch so ausdrücken: Die Marktwirtschaft ist ein paradoxes System. Der Markt existiert, weil wir die anderen, weil wir die Gesellschaft brauchen. Von den Früchten seiner spezialisierten Arbeit kann niemand leben. Kein Bäcker kann tausend Brötchen am Tag essen. Und ein Büroangestellter zieht überhaupt keinen Gebrauchswert aus den von ihm durchgearbeiteten Dokumenten. Erst durch die Vergesellschaftung unserer Arbeit erhält diese einen ­Nutzen.<br />
Paradoxerweise funktioniert die Vergesellschaftung unseres Lebens über den Markt, wo wir uns als Konkurrenten begegnen und Verdrängungskämpfe miteinander oder besser: gegeneinander führen. Die Arbeitsteilung beruht also auf Kooperation – der Markt hingegen auf Konkurrenz und Kampf.
<p>
Nun könnte man behaupten, dass der Markt in der Vergangenheit immer wieder über lange Zeit ganz gut funktioniert hat. Volkswirtschaftler haben das damit erklärt, dass Konkurrenz und »harte Budgetrestriktion« – also die Drohung, pleitezugehen – die Marktteilnehmer dazu veranlassen, sparsam und effizient zu handeln. In den Krisen zeigt sich jedoch die verschwenderische Seite des Marktes auf drastische Weise: In den letzten Monaten sind Werte in Milliardenhöhe zerstört worden. Um die Preise unverkäuflicher Waren zu halten, werden mühsam hergestellte Güter vernichtet – gerade auch Nahrungsmittel. Und der Klimawandel schließlich ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus dabei ist, unsere Lebensgrundlage zu zerstören.<br />
In dieser Hinsicht ist die Ökonomie, mit der wir es zu tun haben, gänzlich unökonomisch.
<p>
<strong>elmar altvater</strong>Der Erste, der dies systematisch kritisierte, war Karl Marx. Vance Packard hat 1960 ein mittlerweile fast vergessenes kulturkritisches Buch über »Die geplante Verschwendung« geschrieben (»The Waste Makers«), in dem er sehr viele Beispiele für Verschwendung, für die absichtsvolle Produktion von Müll innerhalb einer kapitalistischen Marktwirtschaft aufzählte. Vom Markt Rationalität zu erwarten ist naiv; die Enttäuschung ist gewiss.<br />
Warum nun ist eine Marktwirtschaft verschwenderisch? Weil ihre Teilnehmer einer mikroökonomischen Rationalität folgen, die mit der makroökonomischen Vernunft nicht ­de­ckungsgleich ist. Das sehen wir in der aktuellen Finanzkrise sehr deutlich. Das mikroökonomisch rationale Verhalten hat gesamtökonomisch eine Katastrophe ausgelöst. Wenn eine einzelne Bank Kredite aufnimmt, um damit Geschäfte mit ­höherer Rendite einzuleiten, sich also verschuldet, dann ist das mikroökonomisch völlig einleuchtend. Je geringer die Eigenkapitaldeckung und je höher die Summe vergebener Kredite, desto höher die Rendite. Doch wenn man das für alle Banken in Deutschland zusammenrechnet, kommt man auf eine Zahl unsicherer Außenbestände der Banken in Höhe von 1000 Milliarden Euro. Das beträgt mehr als das Doppelte des haftenden Eigenkapitals dieser Banken, das bei etwa 360 Milliarden Euro liegt. In den USA ist die Relation die gleiche, die absoluten Beträge sind allerdings noch sehr viel höher.
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Was mikroökonomisch vernünftig ist, wird also auf gesamt­ökonomischer, systemischer Ebene irrational, weil dadurch das System insgesamt gefährdet wird. Der Gewinn der einzelnen Bank kommt durch ein Geschäftsmodell zustande, das für das Gesamtsystem auch die Pleite bedeuten kann, die dann wiederum die einzelnen Banken trifft. Und dazu kommt es, weil die einzelnen Banken jene Forderungen, die Rendite erbringen sollen, selbst erzeugen können. »Originate and distribute« lautet das Sesam, öffne dich zu Traumrenditen: Schaffe Wertpapiere, lasse dir den Wert durch eine Rating-Agentur bestätigen und vertreibe die Papiere dann weltweit. Irgendein global player, der dumm genug ist, sie ins Portefeuille zu nehmen, wird sich schon finden. Doch können die Banken und Fonds die Einkommensflüsse, mit denen diese Forderungen real bedient werden müssen, nicht selbst herstellen. Das geht nur, wenn gearbeitet wird.
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<strong>raul zelik</strong> Eigentlich lernt man so etwas in jedem Ökonomie-Einführungskurs: Betriebswirtschaftlicher und gesamtwirtschaft­licher Nutzen sind nicht identisch. Das ist der Grund, warum der Staat selbst in den liberalsten Ökonomien weiter eine bedeutende Rolle spielt. Einzelunternehmer scheuen zum Beispiel große Investitionen im Bereich Infrastruktur, wenn jene sich nicht oder erst zu spät amortisieren. Gesamtwirtschaftlich jedoch ist ein neues Kraftwerk, um ein Beispiel zu nennen, aber unzweifelhaft von Nutzen, weil es beispielsweise die Energiekosten verringert. Dass Mikro- und Makroökonomie, betriebs- und gesamtwirtschaftliche Rationalität auseinanderfallen, liegt auf der Hand. Warum ist das in der Debatte trotzdem so wenig präsent?
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<strong>elmar altvater </strong>Die (neo-)klassische These lautet, dass die unsichtbare Hand des Marktes dafür sorgt, dass das vernünftige, die eigenen Interessen verfolgende Handeln so ausge­lesen wird, dass es zum größten gesamtgesellschaftlichen ­Nutzen kommt. Das wird den Studenten der Wirtschaftswissenschaften seit Generationen eingebläut: Es mag zwar einen Widerspruch geben, doch dieser kann durch den Markt aufgelöst werden.
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<strong>raul zelik</strong> Was wäre dann aber Ökonomie im eigentlichen Sinne, wenn das, was die Wirtschaft der letzten Jahrzehnte bestimmt hat, offensichtlich nicht ökonomisch war?
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<strong>elmar altvater</strong> Geht man von Marx aus, besteht Ökonomie aus etwas Doppeltem. Da ist zum einen die stoffliche Transformation von Materie und Energie, die Gebrauchswertseite. Ohne Energiezufluss, heutzutage müssten wir sagen: ohne fossile Energien, würde nichts funktionieren. Das ist die stoffliche, die energetische Seite der Ökonomie.<br />
Zum anderen gibt es die wertmäßige, monetäre Seite, die gewissermaßen im Widerspruch dazu steht, denn die Forderungen, die sich monetär erzeugen lassen, sind grenzenlos. Das ­Geld­angebot kann heutzutage sehr leicht gesteigert werden. Man muss nicht mehr in der Erde buddeln, um Gold he­rauszuholen. Man braucht nicht einmal mehr Papierzettel. Geld kann einfach immateriell, in Form von Bits und Bytes, erzeugt werden.<br />
Wir haben es also auf der einen Seite ganz offensichtlich mit einer Begrenztheit zu tun, zum Beispiel von fossilen Brennstoffen oder von der Aufnahmefähigkeit der Umwelt, was toxische Substanzen angeht. Wir können die gesellschaftlichen Naturverhältnisse nicht ausblenden, die so sehr mit der Ökonomie verwoben sind, dass sie sich von dieser nicht trennen lassen. Dem gegenüber steht die ungeheure Dynamik der wertmäßigen, monetären Ökonomie, die nur vom Eigeninte­resse der Akteure bestimmt wird – ganz so, als seien diese Inte­ressen losgelöst von der stofflich-­natürlichen Seite. Der S­ys­tem­theoretiker Niklas Luhmann zeigt in seiner Schrift über die »ökologische Kommunikation«, zu welchen Absurditäten die ­Ausblendung der stofflich-energetischen Prozesse führt. Er schreibt nämlich, zur Ökonomie gehört alles, was mit Zahlungen und Nicht-Zahlungen zu tun hat. Der Preis des Fasses Öl ist daher Ökonomie, das Herauspumpen des Öls aus dem Erdboden hingegen nicht.
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<strong>raul zelik</strong> Auch die zentralen volkswirtschaftlichen Kennziffern haben mit Ökonomie, mit Haushalten, wenig zu tun. Denken wir an die Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts: Ein schwerer Unfall kann sich durch die Reparatur des Wagens und die medizinische Versorgung der Verletzten gleich in zweifacher Weise wachstumssteigernd niederschlagen. Hier wird deutlich, dass Wachstum nichts mit gesellschaftlichem Wohlbefinden zu tun haben muss. Rationale ökonomische Koeffizienten müssten auch ganz andere Aspekte berücksichtigen: Lebenserwartung, Zugang zur Grundversorgung, Verringerung ökologischer Belastung usw.
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<strong>elmar altvater </strong>Wenn dies mit Kennziffern zu lösen wäre, würde sich das Problem einfacher darstellen und seine Dramatik verlieren. Es kommt aber nicht darauf an, wie man etwas definiert, sondern ob die gesellschaftlichen Natur- und Lebensverhältnisse den Kennziffern entsprechend gestaltet werden. Um zum Thema des Messens zurückzukommen: Wir müssen nicht nur mit Kennziffern irgendetwas messen und bewerten, zum Beispiel den Ausstoß von Treibhausgasen pro Kopf, sondern das Leben und Arbeiten so gestalten, dass wir das Maß leben, also im aristotelischen Sinn »Maß halten«.<br />
Das UN-Entwicklungsprogramm versucht seit Langem, den Wohlstand mit dem alternativen Indikator des Human Development Index, also dem Index menschlicher Entwicklung, darzustellen. Andere versuchen, ›Glück‹ anhand von Kennziffern zu bestimmen. Eigentlich wäre es das, was eine Ökonomie zu leisten hat: Sie sollte Glück für die Menschen oder genauer: für eine möglichst große Zahl Menschen ermöglichen. Das ist im Übrigen auch eine Leitidee der US-amerikanischen Verfassung, in der vom Pursuit of Happiness, dem Streben nach Glück, die Rede ist. Nicholas Georgescu-Roegen, der wichtigste Repräsentant der thermodynamischen Ökonomie, stellt sich die Frage, warum die Menschen bei der ökonomischen Transformation von Stoffen und Energien unweigerlich die Entropie steigern – also Abfall, Abwasser, Abluft etc. erzeugen –, und er beantwortet sie mit dem Streben nach enjoyment of life. Dass die Umweltschäden in einer kapitalistischen Gesellschaft vor allem etwas mit dem Streben nach Profit zu tun haben, kommt ihm allerdings nicht in den Sinn.
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Die Versuche, Glück, Freude und Wohlbefinden zu messen, sind also einigermaßen frustrierend, denn solange die gesellschaftlichen Formen nicht verändert werden, nützen die Indi­katoren gar nichts. Sie haben eine kritische Pointe, weil man an den alternativen Kennziffern zeigen kann, dass die Länder mit dem höchsten Bruttosozialprodukt pro Kopf nicht die Länder mit dem größten allgemeinen Glücksempfinden sind. Oder wenn der Indikator des Human Development nicht mit der – am Pro-Kopf-Einkommen gemessenen – Wirtschafts­leistung übereinstimmt.<br />
Das Entscheidende ist aber nicht, das durch Indikatoren zu erfahren. Nein, es geht darum, die gesellschaftlichen Formen zu verändern, damit anderen Zielen des Wirtschaftens auch in der Realität Rechnung getragen wird. Daraus folgt die alte Frage nach einer anderen, solidarischen, sozialistischen – wie man auch immer das nennen mag – Ökonomie. Eine Frage, die man immer wieder neu stellen muss, weil immer neue Antworten darauf zu finden sind.
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<strong>raul zelik</strong> Interessanterweise sind nun aber sozialistische Ökonomien von denselben Kennziffern ausgegangen. Gerade die sozialistische Bewegung hat sich sehr für die Steigerung von Bruttosozialprodukten, für rücksichtloses Wachstum begeistert. Neue wirtschaftliche Kennziffern würden noch nichts ändern, aber immerhin verdeutlichen, wohin die Reise gehen muss. Wir würden feststellen, dass weder kapitalistische noch staatssozialistische Akkumulation etwas mit gesellschaftlichem Wohlbefinden zu tun haben.
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<strong>elmar altvater</strong> Dass die realsozialistischen Gesellschaften die gleichen wirtschaftlichen Kennziffern verwendeten wie die kapitalistischen Länder, ist tatsächlich ein wichtiger Grund ihres Scheiterns. Es war der Versuch, sich auf dem gleichen Gleis wie die entwickelten kapitalistischen forerunners zu bewegen, ohne an dem vor ihnen fahrenden Zug des Kapitalismus vorbeizukommen. Da war nichts mit »Einholen und Überholen« oder »Überholen, ohne einzuholen«, wie es der SED-Vorsitzende Walter Ulbricht in den Sechzigerjahren formulierte. Man hätte auf ein anderes Gleis weichen, die Ökonomie in eine andere Richtung entwickeln müssen und sich nicht am Kapitalismus orientieren dürfen. Nur so hätte aus dem Sozialismus eine Alternative werden können. Das ist eine wichtige Lehre für alle zukünftigen Experimente, die über den Kapitalismus hinauswollen: Das Ziel kann nicht einfach lauten, schneller und besser zu wachsen, als dies unter kapitalis­tischen Verhältnissen ohnehin geschieht. Der Sozialismus zeichnet sich nicht durch quantitative Unterschiede aus, er müsste etwas qualitativ anderes darstellen.</p>
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		<title>Einführung</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Sep 2009 14:52:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>raul zelik</strong> Vermessung der Utopie – das ist auf den ersten Blick ein einigermaßen sonderbares Unterfangen. Ein Nicht-Ort, »ein Land, das noch nicht ist«, lässt sich schlecht ausmessen. Vielleicht aber lässt sich zunächst bestimmen, wo dieses Land nicht liegt. Denn ich glaube, die gescheiterten Emanzipationsversuche in der Geschichte der Menschheit erlauben so etwas wie eine negative Vermessung; man kann daran ablesen, wie es nicht geht.<br />
Der Zeitpunkt für ein solches Unterfangen ist gut. Oder besser gesagt: Die gegenwärtige Krise zeigt, dass eine andere Politik erstens möglich und zweitens notwendig ist. Wir haben erlebt, wie schnell eine andere Strategie entwickelt werden kann, wenn die Bereitschaft dazu vorhanden ist. In der Bankenkrise sind innerhalb weniger Tage mehrere Hundert Milliarden Euro mobilisiert worden. In den Jahren zuvor hat man uns erzählt, dass die Finanzmittel, die nötig wären, um den Hunger zu beseitigen oder die afrikanischen HIV-Infizierten mit Medikamenten zu versorgen, nicht vorhanden seien – obwohl hierfür ein Bruchteil der jetzt mobilisierten Gelder ausgereicht hätte.
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Kursänderungen sind also offensichtlich jederzeit möglich, wenn das nur gewollt wird; wenn es den herrschenden Inte­ressen entspricht. Anders ausgedrückt: Hunger oder die afrika­nische Aids-Katastrophe sind das Ergebnis des herrschen­den politischen Willens.<br />
Zum anderen wird in der Krise sichtbar – es handelt sich ja eigentlich um mehrere Krisen, aber darüber werden wir noch sprechen –, dass Alternativen dringlicher werden. Es geht dabei nicht um einen Schönheitswettbewerb zwischen Systemen; darum, sich eine »bessere Welt« auszudenken. Das Über­leben der Menschheit oder genauer gesagt: von Teilen der Menschheit ist durch die sich abzeichnenden Entwicklungen in Frage gestellt.
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<strong>elmar altvater</strong> Ich weiß nicht, ob man etwas negativ vermessen kann. Mir fällt bei »Vermessung der Utopie« zunächst einmal der Roman Daniel Kehlmanns ein, der »Die Vermessung der Welt« ja trickreich plausibel gemacht hat: Ein Theoretiker, der Mathematiker Gauß, deduziert die Welt und braucht dazu seine Heimatstadt, das beschauliche Göttingen, nicht zu verlassen; ganz anders der Empiriker Alexander von Humboldt, der möglichst in jedes Loch auf dem Planeten gekrochen ist, jeden Tümpel durchwatet und jeden Gipfel bestiegen hat, um möglichst alle Welt zu vermessen und Wissen aus ihr herauszuholen.<br />
Dieses Wissen in ein System zu bringen und die Regeln dieses Systems zu verallgemeinern, bringt die Wissenschaft hervor. Diese wiederum war und ist Autorität, kann sie doch den Gang der menschlichen und natürlichen Entwicklung in der Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht in der Zukunft begründen.
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<strong>raul zelik</strong> Das zumindest ist die Hoffnung, ihr selbst erklärter Anspruch …
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<strong>elmar altvater</strong> Wo nun gemessen werden kann, ist Utopie nicht nur ein Nicht-Ort, »ein Land, das noch nicht ist« – nein, sie ist ein handfester Widerspruch. Das Konzept des Messens muss im und am Utopischen scheitern, und deshalb haben Utopien auch einen so schlechten Ruf. Der Fortschritt scheint von der Utopie weg hin zur Wissenschaft zu gehen, jedenfalls hat dies Friedrich Engels so gesehen. Utopien messen zu wollen ist selbst ein utopisches, ein vermessenes Unterfangen.<br />
In der Krise verschiebt sich das allerdings ein wenig. Eine »Neuvermessung der Welt« ist plötzlich nichts gänzlich Utopisches mehr. Sie wird zum Thema der Realpolitik, und so ist die als notwendig erachtete Neuvermessung das Geschäft jener think tanks, die sich für die wissenschaftliche Beratung der Politik bezahlen lassen.
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Wir wollen hier aber keine Politikberatung betreiben. Die Utopie, um die es hier geht, hat mit einer anderen Vermessung zu tun – wie sie in einem Text von Heinrich Heine aus dem Jahr 1835 auftaucht. Darin heißt es:</p>
<blockquote><p>»Wir haben die Lande gemessen, die Naturkräfte gewogen, die Mittel der Industrie berechnet, und siehe, wir haben herausgefunden, dass diese Erde groß genug ist; dass<br />
sie jedem hinlänglichen Raum bietet, die Hütte seines Glücks darauf zu bauen; dass diese Erde uns alle anständig genug ernähren kann, wenn wir alle arbeiten und nicht einer auf Kosten des andren leben will; und dass wir nicht nötig haben, die ärmere Klasse an den Himmel zu verweisen.«</p></blockquote>
<p>Darum geht es oder sollte es uns gehen: Wir Menschen – die neun Milliarden, die wir bald sein werden – können alle ein auskömm­liches Leben haben, aber dafür müssen wir etwas tun und gleichzeitig vieles unterlassen. Wir müssen die Erde umgestalten, sie sozusagen ökologisch herrichten. Denn in den wenigen Jahrhunderten seit der fossilen und industriellen Revolution ist die Natur rücksichtslos ausgebeutet worden. Wir müssen die Klimakatastrophe verhindern und dafür sorgen, dass der sich verschärfende Kampf um Rohstoffe nicht in ein Gemetzel mündet. Wir müssen verhindern, dass Finanz- und Wirtschaftskrise die sozialen Gegensätze nicht noch weiter verschärfen.<br />
Der britische Historiker Eric Hobsbawm hat unlängst in einem Interview die Befürchtung geäußert, die Krisen des Kapitalismus könnten erneut zu einem großen und extrem blutigen Krieg führen. Ich hoffe sehr, dass das nur die Fantasien eines ­alten Mannes waren, der zwei Weltkriege und das von ihm so bezeichnete »Zeitalter der Extreme« miterlebt hat. Doch ich befürchte, dass Hobsbawm mit seinem Szenario Recht behalten könnte.<br />
Die Maßgaben für ein utopisches Projekt liegen also auf der Hand: den Menschen auf Erden ein Auskommen zu ­ermög­­lichen und sie nicht länger auf das Paradies zu ­ver­weisen…
<p>
<strong>raul zelik </strong>… wobei es aber nicht nur um »Brot«, um die Grund­­versorgung der Menschen geht, sondern auch um ­etwas, das man allgemein und knapp mit dem Begriff des anderen, glücklicheren Lebens beschreiben könnte. Ein Leben, in dem Kommunikation, Arbeit, soziale Beziehungen einen anderen Stellenwert und Inhalt besitzen.
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<strong>elmar altvater </strong>Richtig. Aber auch da gilt: Utopien können vermessen sein, den Ansprüchen nicht gerecht werden. Dieses doppelten Sinnes sollten wir uns bewusst sein. Denn man kann der Gefahr nicht einfach entfliehen: Selbst­verständlich können wir uns ver-messen, wenn wir über etwas sprechen, das nicht oder noch nicht existiert.<br />
Wir brauchen also eine Reflexion über utopische Entwürfe und müssen beantworten können, inwieweit diese Entwürfe ­einigermaßen realistisch sind. Ob sie tauglich sind, müssen wir daran messen, ob sie den Menschen ein gutes Leben ermög­lichen– in ökologischer, sozialer, politischer Hinsicht. Ob sie ermöglichen, die Grundbedürfnisse aller Menschen zu ­befriedigen, die Natur zu bewahren – aber auch, ob sie zu einer herrschaftsfreien Welt führen, in der die Menschen ihr Leben, auch ihr Arbeits­leben, selbst gestalten können und nicht nur Untertanen sind.<br />
Wir müssen das versuchen, auch wenn wir wissen, dass jeder Versuch, diese Ziele zu verwirklichen, auf harten politischen ­Widerstand stoßen wird.</p>
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