zum begriff »ökonomie« I

raul zelik Jede Utopie spiegelt die existierenden Verhältnisse wider – sie entwickelt sich als Kritik an diesen. Bevor wir über die Utopie sprechen, sollten wir also zunächst versuchen, die Verhältnisse zu vermessen, in denen wir leben. Beginnen wir mit dem Begriff der Ökonomie.

elmar altvater Einverstanden.

raul zelik Dietmar Dath, einer der wenigen jüngeren deutsch­sprachigen Schriftsteller, die heute deutlich antikapitalistische Positionen beziehen, hat 2008 das Buch »Maschinenwinter. Streitschrift für den Sozialismus« veröffentlicht. Darin heißt es:

»­Selbstverständlich ist eine Gesellschaft schweinisch, die einerseits für ihre Spitzensportler Laufschuhe mit eingebauten Dämpfungscomputern bereitstellt, andererseits aber alten Frauen mit Glasknochen die Zuzahlung zum sicheren Rollstuhl verweigert und einen Pflegenotstand erträgt, für den sich tollwütige Affenhorden schämen müssten. (…) Selbstverständlich ist eine Gesellschaft widerlich, die all diese Dinge sogar in ihren leidlich gepols­terten Gewinnergegenden zulässt; (…) doch unanständig, schweinisch, obszön, widerlich: Davon rede ich nicht. Moral ist Glückssache und setzt Deckung der wichtigsten Lebensbedürfnisse voraus; meistens hat man andere Sorgen. Ich rede (…) davon, dass das alles nicht vernünftig ist und deshalb nicht funktionieren kann. Wer es sich kalten Herzens, wachen Auges anschaut und dann noch ruhig zu verneinen imstande ist, dass möglich sein muss, die Dinge besser einzurichten, ist nicht böse, sondern entweder faul genug, sich betrügen zu lassen, oder vom Geburtszufall ausgelost worden, die im Ganzen seltene, vorläufig aber noch ganz einträgliche Elendsgewinnlerei betreiben zu dürfen, an der dieses Ganze krankt.«

Das scheint mir ein guter Ausgangspunkt zu sein: Das System, in dem wir leben, das wir leben, das durch uns lebt, ist nicht in erster Linie unmoralisch. Es ist vor allem unvernünftig, ­irrational, ineffizient.

elmar altvater Das ist seit Beginn des Bürgertums bekannt. Einer der Ersten, der auf diese Unvernunft hingewiesen hat, war 1701 der Arzt und Philosoph Bernard de Mandeville, der in seiner »Bienenfabel« zeigte, dass das System nur bestehen kann, wenn die Menschen kleine Verbrechen und große Gemeinheiten begehen. Nicht die Tugend, sondern das lasterhafte, das »schweinische« Verhalten hält den ökonomischen Kreislauf in Gang und steigert so den »Wohlstand der Nationen«. Wo es kein Verbrechen gibt, braucht man keine Schlösser, wo es keine Schlösser gibt, braucht man keinen Schlosser, und wo es keinen Schlosser braucht, gibt es keine Arbeit. Anders ausgedrückt: Das Verbrechen ist nötig, damit diese Wirtschaft weiterläuft.
Mandeville hat das sehr schön, sehr ironisch und anhand vieler Beispiele dargestellt und gezeigt, wie aus dem privaten Laster öffentliche Tugenden entstehen können. Eine Gesellschaft, die das private Laster – die Verdrängung des Anderen– braucht, um eine öffentliche Tugend – ökonomischen ­Zu­gewinn – herzustellen, kann aber nur unvernünftig sein.
Wir könnten außer Mandeville sicher noch zahlreiche andere Beispiele aus der Literatur und der Wissenschaft finden, die die Irrationalität des Kapitalismus kritisch aufspießen.

raul zelik Man könnte es auch so ausdrücken: Die Marktwirtschaft ist ein paradoxes System. Der Markt existiert, weil wir die anderen, weil wir die Gesellschaft brauchen. Von den Früchten seiner spezialisierten Arbeit kann niemand leben. Kein Bäcker kann tausend Brötchen am Tag essen. Und ein Büroangestellter zieht überhaupt keinen Gebrauchswert aus den von ihm durchgearbeiteten Dokumenten. Erst durch die Vergesellschaftung unserer Arbeit erhält diese einen ­Nutzen.
Paradoxerweise funktioniert die Vergesellschaftung unseres Lebens über den Markt, wo wir uns als Konkurrenten begegnen und Verdrängungskämpfe miteinander oder besser: gegeneinander führen. Die Arbeitsteilung beruht also auf Kooperation – der Markt hingegen auf Konkurrenz und Kampf.

Nun könnte man behaupten, dass der Markt in der Vergangenheit immer wieder über lange Zeit ganz gut funktioniert hat. Volkswirtschaftler haben das damit erklärt, dass Konkurrenz und »harte Budgetrestriktion« – also die Drohung, pleitezugehen – die Marktteilnehmer dazu veranlassen, sparsam und effizient zu handeln. In den Krisen zeigt sich jedoch die verschwenderische Seite des Marktes auf drastische Weise: In den letzten Monaten sind Werte in Milliardenhöhe zerstört worden. Um die Preise unverkäuflicher Waren zu halten, werden mühsam hergestellte Güter vernichtet – gerade auch Nahrungsmittel. Und der Klimawandel schließlich ist ein deutliches Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus dabei ist, unsere Lebensgrundlage zu zerstören.
In dieser Hinsicht ist die Ökonomie, mit der wir es zu tun haben, gänzlich unökonomisch.

elmar altvaterDer Erste, der dies systematisch kritisierte, war Karl Marx. Vance Packard hat 1960 ein mittlerweile fast vergessenes kulturkritisches Buch über »Die geplante Verschwendung« geschrieben (»The Waste Makers«), in dem er sehr viele Beispiele für Verschwendung, für die absichtsvolle Produktion von Müll innerhalb einer kapitalistischen Marktwirtschaft aufzählte. Vom Markt Rationalität zu erwarten ist naiv; die Enttäuschung ist gewiss.
Warum nun ist eine Marktwirtschaft verschwenderisch? Weil ihre Teilnehmer einer mikroökonomischen Rationalität folgen, die mit der makroökonomischen Vernunft nicht ­de­ckungsgleich ist. Das sehen wir in der aktuellen Finanzkrise sehr deutlich. Das mikroökonomisch rationale Verhalten hat gesamtökonomisch eine Katastrophe ausgelöst. Wenn eine einzelne Bank Kredite aufnimmt, um damit Geschäfte mit ­höherer Rendite einzuleiten, sich also verschuldet, dann ist das mikroökonomisch völlig einleuchtend. Je geringer die Eigenkapitaldeckung und je höher die Summe vergebener Kredite, desto höher die Rendite. Doch wenn man das für alle Banken in Deutschland zusammenrechnet, kommt man auf eine Zahl unsicherer Außenbestände der Banken in Höhe von 1000 Milliarden Euro. Das beträgt mehr als das Doppelte des haftenden Eigenkapitals dieser Banken, das bei etwa 360 Milliarden Euro liegt. In den USA ist die Relation die gleiche, die absoluten Beträge sind allerdings noch sehr viel höher.

Was mikroökonomisch vernünftig ist, wird also auf gesamt­ökonomischer, systemischer Ebene irrational, weil dadurch das System insgesamt gefährdet wird. Der Gewinn der einzelnen Bank kommt durch ein Geschäftsmodell zustande, das für das Gesamtsystem auch die Pleite bedeuten kann, die dann wiederum die einzelnen Banken trifft. Und dazu kommt es, weil die einzelnen Banken jene Forderungen, die Rendite erbringen sollen, selbst erzeugen können. »Originate and distribute« lautet das Sesam, öffne dich zu Traumrenditen: Schaffe Wertpapiere, lasse dir den Wert durch eine Rating-Agentur bestätigen und vertreibe die Papiere dann weltweit. Irgendein global player, der dumm genug ist, sie ins Portefeuille zu nehmen, wird sich schon finden. Doch können die Banken und Fonds die Einkommensflüsse, mit denen diese Forderungen real bedient werden müssen, nicht selbst herstellen. Das geht nur, wenn gearbeitet wird.

raul zelik Eigentlich lernt man so etwas in jedem Ökonomie-Einführungskurs: Betriebswirtschaftlicher und gesamtwirtschaft­licher Nutzen sind nicht identisch. Das ist der Grund, warum der Staat selbst in den liberalsten Ökonomien weiter eine bedeutende Rolle spielt. Einzelunternehmer scheuen zum Beispiel große Investitionen im Bereich Infrastruktur, wenn jene sich nicht oder erst zu spät amortisieren. Gesamtwirtschaftlich jedoch ist ein neues Kraftwerk, um ein Beispiel zu nennen, aber unzweifelhaft von Nutzen, weil es beispielsweise die Energiekosten verringert. Dass Mikro- und Makroökonomie, betriebs- und gesamtwirtschaftliche Rationalität auseinanderfallen, liegt auf der Hand. Warum ist das in der Debatte trotzdem so wenig präsent?

elmar altvater Die (neo-)klassische These lautet, dass die unsichtbare Hand des Marktes dafür sorgt, dass das vernünftige, die eigenen Interessen verfolgende Handeln so ausge­lesen wird, dass es zum größten gesamtgesellschaftlichen ­Nutzen kommt. Das wird den Studenten der Wirtschaftswissenschaften seit Generationen eingebläut: Es mag zwar einen Widerspruch geben, doch dieser kann durch den Markt aufgelöst werden.

raul zelik Was wäre dann aber Ökonomie im eigentlichen Sinne, wenn das, was die Wirtschaft der letzten Jahrzehnte bestimmt hat, offensichtlich nicht ökonomisch war?

elmar altvater Geht man von Marx aus, besteht Ökonomie aus etwas Doppeltem. Da ist zum einen die stoffliche Transformation von Materie und Energie, die Gebrauchswertseite. Ohne Energiezufluss, heutzutage müssten wir sagen: ohne fossile Energien, würde nichts funktionieren. Das ist die stoffliche, die energetische Seite der Ökonomie.
Zum anderen gibt es die wertmäßige, monetäre Seite, die gewissermaßen im Widerspruch dazu steht, denn die Forderungen, die sich monetär erzeugen lassen, sind grenzenlos. Das ­Geld­angebot kann heutzutage sehr leicht gesteigert werden. Man muss nicht mehr in der Erde buddeln, um Gold he­rauszuholen. Man braucht nicht einmal mehr Papierzettel. Geld kann einfach immateriell, in Form von Bits und Bytes, erzeugt werden.
Wir haben es also auf der einen Seite ganz offensichtlich mit einer Begrenztheit zu tun, zum Beispiel von fossilen Brennstoffen oder von der Aufnahmefähigkeit der Umwelt, was toxische Substanzen angeht. Wir können die gesellschaftlichen Naturverhältnisse nicht ausblenden, die so sehr mit der Ökonomie verwoben sind, dass sie sich von dieser nicht trennen lassen. Dem gegenüber steht die ungeheure Dynamik der wertmäßigen, monetären Ökonomie, die nur vom Eigeninte­resse der Akteure bestimmt wird – ganz so, als seien diese Inte­ressen losgelöst von der stofflich-­natürlichen Seite. Der S­ys­tem­theoretiker Niklas Luhmann zeigt in seiner Schrift über die »ökologische Kommunikation«, zu welchen Absurditäten die ­Ausblendung der stofflich-energetischen Prozesse führt. Er schreibt nämlich, zur Ökonomie gehört alles, was mit Zahlungen und Nicht-Zahlungen zu tun hat. Der Preis des Fasses Öl ist daher Ökonomie, das Herauspumpen des Öls aus dem Erdboden hingegen nicht.

raul zelik Auch die zentralen volkswirtschaftlichen Kennziffern haben mit Ökonomie, mit Haushalten, wenig zu tun. Denken wir an die Wachstumsrate des Bruttosozialprodukts: Ein schwerer Unfall kann sich durch die Reparatur des Wagens und die medizinische Versorgung der Verletzten gleich in zweifacher Weise wachstumssteigernd niederschlagen. Hier wird deutlich, dass Wachstum nichts mit gesellschaftlichem Wohlbefinden zu tun haben muss. Rationale ökonomische Koeffizienten müssten auch ganz andere Aspekte berücksichtigen: Lebenserwartung, Zugang zur Grundversorgung, Verringerung ökologischer Belastung usw.

elmar altvater Wenn dies mit Kennziffern zu lösen wäre, würde sich das Problem einfacher darstellen und seine Dramatik verlieren. Es kommt aber nicht darauf an, wie man etwas definiert, sondern ob die gesellschaftlichen Natur- und Lebensverhältnisse den Kennziffern entsprechend gestaltet werden. Um zum Thema des Messens zurückzukommen: Wir müssen nicht nur mit Kennziffern irgendetwas messen und bewerten, zum Beispiel den Ausstoß von Treibhausgasen pro Kopf, sondern das Leben und Arbeiten so gestalten, dass wir das Maß leben, also im aristotelischen Sinn »Maß halten«.
Das UN-Entwicklungsprogramm versucht seit Langem, den Wohlstand mit dem alternativen Indikator des Human Development Index, also dem Index menschlicher Entwicklung, darzustellen. Andere versuchen, ›Glück‹ anhand von Kennziffern zu bestimmen. Eigentlich wäre es das, was eine Ökonomie zu leisten hat: Sie sollte Glück für die Menschen oder genauer: für eine möglichst große Zahl Menschen ermöglichen. Das ist im Übrigen auch eine Leitidee der US-amerikanischen Verfassung, in der vom Pursuit of Happiness, dem Streben nach Glück, die Rede ist. Nicholas Georgescu-Roegen, der wichtigste Repräsentant der thermodynamischen Ökonomie, stellt sich die Frage, warum die Menschen bei der ökonomischen Transformation von Stoffen und Energien unweigerlich die Entropie steigern – also Abfall, Abwasser, Abluft etc. erzeugen –, und er beantwortet sie mit dem Streben nach enjoyment of life. Dass die Umweltschäden in einer kapitalistischen Gesellschaft vor allem etwas mit dem Streben nach Profit zu tun haben, kommt ihm allerdings nicht in den Sinn.

Die Versuche, Glück, Freude und Wohlbefinden zu messen, sind also einigermaßen frustrierend, denn solange die gesellschaftlichen Formen nicht verändert werden, nützen die Indi­katoren gar nichts. Sie haben eine kritische Pointe, weil man an den alternativen Kennziffern zeigen kann, dass die Länder mit dem höchsten Bruttosozialprodukt pro Kopf nicht die Länder mit dem größten allgemeinen Glücksempfinden sind. Oder wenn der Indikator des Human Development nicht mit der – am Pro-Kopf-Einkommen gemessenen – Wirtschafts­leistung übereinstimmt.
Das Entscheidende ist aber nicht, das durch Indikatoren zu erfahren. Nein, es geht darum, die gesellschaftlichen Formen zu verändern, damit anderen Zielen des Wirtschaftens auch in der Realität Rechnung getragen wird. Daraus folgt die alte Frage nach einer anderen, solidarischen, sozialistischen – wie man auch immer das nennen mag – Ökonomie. Eine Frage, die man immer wieder neu stellen muss, weil immer neue Antworten darauf zu finden sind.

raul zelik Interessanterweise sind nun aber sozialistische Ökonomien von denselben Kennziffern ausgegangen. Gerade die sozialistische Bewegung hat sich sehr für die Steigerung von Bruttosozialprodukten, für rücksichtloses Wachstum begeistert. Neue wirtschaftliche Kennziffern würden noch nichts ändern, aber immerhin verdeutlichen, wohin die Reise gehen muss. Wir würden feststellen, dass weder kapitalistische noch staatssozialistische Akkumulation etwas mit gesellschaftlichem Wohlbefinden zu tun haben.

elmar altvater Dass die realsozialistischen Gesellschaften die gleichen wirtschaftlichen Kennziffern verwendeten wie die kapitalistischen Länder, ist tatsächlich ein wichtiger Grund ihres Scheiterns. Es war der Versuch, sich auf dem gleichen Gleis wie die entwickelten kapitalistischen forerunners zu bewegen, ohne an dem vor ihnen fahrenden Zug des Kapitalismus vorbeizukommen. Da war nichts mit »Einholen und Überholen« oder »Überholen, ohne einzuholen«, wie es der SED-Vorsitzende Walter Ulbricht in den Sechzigerjahren formulierte. Man hätte auf ein anderes Gleis weichen, die Ökonomie in eine andere Richtung entwickeln müssen und sich nicht am Kapitalismus orientieren dürfen. Nur so hätte aus dem Sozialismus eine Alternative werden können. Das ist eine wichtige Lehre für alle zukünftigen Experimente, die über den Kapitalismus hinauswollen: Das Ziel kann nicht einfach lauten, schneller und besser zu wachsen, als dies unter kapitalis­tischen Verhältnissen ohnehin geschieht. Der Sozialismus zeichnet sich nicht durch quantitative Unterschiede aus, er müsste etwas qualitativ anderes darstellen.